Karl Mays Figur Winnetou und das Prinzip des Erlösers

Aus religiöser Betrachtungsweise und aus der Betrachtungsweise des alten Wissens heraus lassen sich zwischen der von Karl May gezeichneten Figur Winnetous und der Figur des Erlösers in der Bibel einige markante Ähnlichkeiten erkennen. Karl Mays Elternhaus war religiös geprägt und er machte selber schon sehr früh für sein Leben prägende Erfahrungen in seiner Kindheit. Welchen Einfluss hatte dies auf seine Bücher und vor allem auf die Figur Winnetou?

Eine starke Anregung für Religion und Mystik dürfte Karl May schon in seiner frühesten Kindheit bekommen haben, denn er war die ersten fünf Lebensjahre blind und zog sich deswegen wohl stark in seine innere Gedankenwelt zurück. Daraus gingen dann vielleicht auch die Früchte für seine späteren Erzählungen hervor.

„Je mehr sich aber der Mensch entwickelt, desto mehr kommt er zu der Erkenntniß, daß Vieles, was er außer sich gesucht hat, in ihm selber wohnt und lebt, und so wird und muß auch einst die Zeit kommen, in welcher er seinen Gott in sich selbst fühlt und findet und den Teufel in die Rumpelkammer unter das alte Eisen wirft.“

Aus „Ange et Diable“ von Karl May

Karl May wurde in Religions-, Bibel- und Gesangbuchlehre unterrichtet, aber es fehlte ihm bei der Vermittlung die Liebe, das Gefühl und die Wärme. Liebe, Milde, Demut und Versöhnlichkeit vermisse er. Der Unterricht war für ihn kalt, streng und hart. Es fehlte ihm jede Spur von Poesie.

„Es ist vollständig unmöglich, Gott und die Liebe zu trennen, und zwar ist die letztere nicht etwa ein bloßes Attribut, eine Eigenschaft des ersten, sondern sie ist Gott selbst, und wenn wir uns die Aufgabe gestellt haben, die Liebe nach ihrer geschichtlichen Entwicklung darzustellen, so haben wir es in erster Linie mit einer Betrachtung des Gottesbegriffs zu tun.“

Aus „Ange et Diable“ von Karl May

Parallelen Winnetous mit dem Prinzip des Erlösers

Das Alter

Aus Karl Mays eigenen Aussagen, die sich teils widersprechen, stirbt Winnetou entweder im 32. oder im 34. Lebensjahr. Aus den Büchern selber geht das nicht hervor.
Aus der Sichtweise Friedrich Weinrebs wurde der Erlöser, Jesus Christus, 30+3 Jahre alt, ohne hiermit auf die Symbolik dahinter näher einzugehen.
Ist diese Übereinstimmung ein bloser Zufall oder eine Orientierung an biblischen Vorlagen?

Der Zaddik

Im alten Wissen gibt es auch die Figur des Zaddik, des Gerechten. Der Zaddik ist derjenige, der das Leben im Zeitlichen aus dem Wasser herausholt, der es mit dem Ewigen verbindet. Er lebt sozusagen „zwischen den Welten“. Auch Jesus sagt „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, und trotzdem lebt er auch in dieser Welt, im Zeitlichen (Jesus ist noch weit mehr als ein Zaddik, er bringt die Vollendung).

Auch Winnetou ist ein Charakter, der sich nicht vollständig in das Leben seines Stammes integriert und nicht „nur“ ein Apachen-Häuptling ist. Er folgt seiner Berufung, den Frieden in der Welt – v.a. zwischen den Weißen und den Indianern – zu sichern. Er ist im ständigen Austausch mit Old Shatterhand, der eher für den Friedensstifter aus der Abstammung der Weißen steht.
Das messianische Prinzip ist ja gerade das, dass das Neue in die Welt gebracht wird. Nicht (nur) die Bewahrung alter Traditionen, sondern zusätzlich die Integration von etwas ganz Neuem, wodurch dann Heilwerdung, also wahrer Frieden entsteht. Winnetou sagt im dritten Teil der Winnetou-Verfilmungen, dass niemand das Rad der Zeit aufhalten kann und dass er mit der Veränderung – aus dem Osten kommend und sich immer weiter in den Westen ausbreitend (sehr symbolisch!) – mitgeht und diese anerkennt.

Das Prinzip der Hingabe

Im alten Wissen wird mitgeteilt, dass das Böse nicht überwunden werden soll, es soll auch nicht direkt bekämpft werden, sondern es muss aufgenommen und integriert werden. Gerade durch das Prinzip der Hingabe – aus innerer Stärke heraus – können die Herausforderungen des Lebens gemeistert werden.

Jesus sagt im Neuen Testament „Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen“.
Auch Winnetou sucht bei Auseinandersetzungen zwischen den Indianerststämmen und den weisen Siedlern stets den Austausch. Im Gegensatz zu anderen Indianerhäuptlingen, die schnell aus Wut das Kriegsbeil ausgraben, sucht er die Einigung durch Verhandlungen.

Winnetou ist ein Kämpfertyp, er beweist im Kampf immer wieder große Tapferkeit und trotzdem ist er innerlich friedfertig. So auch bei Jesus:

Und Jesus trat in den Tempel ein und trieb alle hinaus, die im Tempel verkauften und kauften, und die Tische der Wechsler und die Sitze der Taubenverkäufer stieß er um.
Und er spricht zu ihnen: Es steht geschrieben: »Mein Haus wird ein Bethaus genannt werden«; ihr aber macht es zu einer »Räuberhöhle«.

Matthäus 21,12

Der Tod als Vollendung, nicht als Ende

 „Das ganze Leben erhält erst einen Sinn, wenn der Tod darin integriert ist und beides als Ganzes erfahren wird.“ 

Friedrich Weinreb

In unserer Welt ist der Tod zu einem Tabu-Thema geworden. Die Angst vor dem Tod lässt ihn uns in der Gesellschaft verdrängen. Dabei bedeutet der Tod nicht das Ende. Einseitig betrachtet ist er das Ende eines Weges in der Zeit. Aber das Leben an sich ist nicht begrenzt – es ist ewig. Wird der Tod, der auch für das Jenseitige im Menschen steht, ausgeschlossen, so will der Mensch in der Welt alles nach Gesetzmäßigkeit erklären, um es passend zu machen. Erst wenn der Mensch erkennt, dass der Tod und alles jenseits dieses Weltlichen zum Leben dazugehört, erkennt er den Sinn und wird frei von Einseitigkeit und Zwang.

Winnetou hört bei seinem Tod das Läuten der Glocken als Ruf Manitous aus der ewigen Welt. Es ist für ihn ein Zeichen, dass seine Seele heimgerufen wird. Für ihn ist es nicht das Ende des Lebens, sondern ein Übergang. Er sieht seine Aufgabe hier in der Welt als vollendet an, aber nicht als Ende.
Er hat sich stets als jemanden gesehen, der durch sein Handeln einen Sinn in die Welt trägt. Diesem Sinn ist er gefolgt, hat seine eigenen Grenzen immer wieder überschritten, die ihm Sicherheit boten und ist dadurch immer wieder über sich hinausgewachsen.

Wie auch der Messias stirbt Winnetou an einem Freitag. Der Tod ist kein Untergang, sondern ein Prinzip eines größeren, dahinterstehenden Ablaufs. Tod und Auferstehung bedingen sich, bilden eine Einheit. Der Messias strebt nicht nach weltlichen Zielen, er kennt den Sinn seiner Erscheinung und gibt sich diesem hin. Er muss hier auf Erden niemandem etwas beweisen, sondern tut das, was der Vater ihm sagt.

Karl May ging es sicher nicht darum, Jesus zu kopieren, sondern es war ihm ein Anliegen christliche Prinzipien in seine Romanwelt einzubauen, um den Menschen das zu vermitteln was ihm wirklich wichtig war: die Vermittlung von Mitgefühl und Liebe.