Näherkommen statt Opfern: Die verborgene Bedeutung des Korbans und der Reinheitsgebote

Das hebräische Wort ‚korban‘ , das im Deutschen meist mit „Opfer“ übersetzt wird, ist eines der meist missverstandesten Themen der Bibel überhaupt. Soll der Mensch wirklich Opfergaben bringen? Klingt das nicht auch sehr heidnisch? Sind die Reinheitsgesetze in Levitikus 11 – welche Tiere wie gegessen werden sollen – Gebote eines strafenden G-ttes, die für uns Menschen verpflichtend sind? Und warum müssen diese Tiere gespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sein? In diesem Beitrag gehe ich ausführlich auf das Thema des ‚korban‘ ein und beleuchte seine verborgene Bedeutung.

Das Wort ‚korban‘, 100-200-2-50, bedeutet „näherkommen“. Es steht dem Wort ‚kereb‘, 100-200-2, „von innen“, das „Innwendige, sehr nahe. Das Näherkommen hat also mit dem Inwendigen zu tun, mit dem, was „Innen“ im Menschen ist. Nicht körperlich gemeint im Sinne der Eingeweide, sondern dem Inneren, was im Menschen verborgen ist, was nicht greifbar, was nicht beschreibbar ist ist.
Der Mensch kann keinen Bezug zum Inwendigen über den rein äußerlichen Kontakt herstellen. Er kann schon versuchen, zu anderen nett und höflich zu sein, gesellschaftliche Normen oder Etiketten erfüllen, um dafür Komplimente oder Schmeicheleien zu bekommen, doch es bleibt bei einer Absicht nach rein äußerlicher Wirksamkeit.
Echter menschlicher Kontakt, echtes menschliches näherkommen, findet statt, wenn es aus dem Inneren heraus erfolgt. Dies kann nicht aktiv gemacht werden, dann wäre es wieder eine Absicht. Es ist z.B. wie eine Sympathie, die man für jemanden empfindet. Ich mag einen Menschen, auch wenn es vielleicht keinen rationalen Grund dafür gibt, auch wenn er mir vielleicht gar keine Aufmerksamkeit schenkt. Es ist ein Mögen, das aus dem Inneren heraus kommt und das nicht an Bedingungen geknüpft ist.
Ich kann einen Menschen äußerlich kennenlernen, ich kann ihn aber auch von Innen heraus kennen lernen, wenn ich selber auf dem Weg zu G-tt bin.

„Wahrlich, ich sage euch, was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, habt ihr mir getan.“

Matthäus 25,40

D.h. entsprechend wie meine Beziehung zu anderen Menschen ist, so ist auch meine Beziehung zu G-tt. Das Näherkommen zu G-tt entspricht auch einem Näherkommen des weltlichen Gegenübers. Mein Gegenüber ist wie ein Spiegel. Im Spiegel kann ich entweder nur mein Spiegelbild sehen oder es zeigt sich mir das mir Gegenüberstehende, das Jenseitige.

Ein ‚korban‘ im Sinne von G-tt näherkommen bedeutet: Im Menschen ist es jetzt so, dass er ein ‚korban‘ bringen will.

Der Anfang von Leviticus (Wajikra) lautet im Hebräischen:

„Adam ki jakriv mikem korban la-Adonai …“
„Der Mensch, der unter euch ein ‚korban‘ dem Herrn näherbringt,…“

Levitikus 1,2

Adam, also der ganze Mensch, bringt ein ‚korban‘ dar. Nicht jemand aus Israel, sondern der ganze Mensch soll zu G-tt kommen wollen.
Wenn der Mensch die Umkehr vollzogen hat und das Chaos hinter sich lassen will, den Sinn im Leben begreifen und erfahren will, dann kann er das ‚korban‘ bringen.
Der Mensch wird dadurch von etwas berührt, z.B. von einer Melodie oder einem Gemälde, einer Begegnung im Leben. Oder ein Gedicht, das ihn berührt, ohne dass er es logisch erklären kann.

Es heißt in Levitikus 1,2: „Der Mensch bringt das ‚korban‘“. D.h. es geschieht aus einer Freiwilligkeit heraus, nicht aus einer Kausalität oder passiven Zufälligkeit äußerer Umstände. Die Annäherung kommt aus der Sehnsucht und Hoffnung des Menschen heraus.
Es ist die Sehnsucht nach Vollkommenheit. Die Sehnsucht führt dich zum Einen in Ewigkeit. Dorthin zu G-tt, wo du Selbst in Ewigkeit bist.
Was ist Hoffnung? Das Wort für Maßstab, Messschnur ist im Hebräischen ‚kaw‘, und dieses Wort ist der Stamm des hebräischen Wortes für Hoffnung. Hoffnung ist also dein Maßstab, wo du dich auf dem Weg befindest. Gerade kein Wissen, keine Sicherheit, die Freiheit bleibt bestehen: du kannst als Mensch jederzeit fallen. Doch du spürst: es ist gut so, wie es ist!

Ein Korban ist für diese Welt etwas Abscheuliches

Der Pharao in Ägypten sagt zu den biblischen Israeliten Mose und Aaron, wenn sie über den Auszug aus Ägypten sprechen: „Du möchtest gerne ein ‚korban‘ bringen, G-tt ein ‚korban‘ darbringen? (In der deutschen Übersetzung üblicherweise übersetzt mit: G-tt „opfern“). Tue es doch in Ägypten“ Worauf Mose sinngemäß antwortet: „Das würde bedeuten, dass die Welt uns zerreißt.“
Man kann nicht einfach derart hier in der Welt weiterleben und gleichzeitig sagen: Ich bringe ein „Opfer“, ein ‚korban‘. Das verträgt die Welt nicht. Es darf keine Absicht im Spiel sein, sich in die Zeit einzumischen. Das wahre ‚korban‘ ist ein Opfer, das aus dem Leben des Menschen hervorfließt, mit ihm mitgeht, aus seinem Leben heraus dargebracht wird. Das ‚korban‘ kann nur gebracht werden, wenn du umgekehrt bist, wenn du aus Ägypten ausgezogen bist. Das hat nichts mit einem Ortswechsel hier auf der Welt zu tun, das kann zwar auch mal vorkommen, aber es meint, dass du eine Wende in deinem Leben vollzogen hast. Nicht nur einmal im Leben, und dann bist du konstant aus Ägypten ausgezogen, sondern es ist ein Prozess, der immer wieder gegangen werden muss, immer wieder von neuem stattfindet.

Der Auszug aus Ägypten hat etwas damit zu tun, dass du aus deinem gewohnten Leben ausscheidest. Das Alte wird zurückgelassen, stirbt ab, du lässt es zurück.
Nicht in dem Sinne, dass ich alle meine Freundschaften beende und ein neues Leben anfange, es kann in deinem gewohnten Umfeld passieren, zu Hause, in der Arbeit. Du verlässt es auf der einen Seite, begegnest ihm aber auch auf der anderen Seite wieder erneut, wenn du ausgezogen bist; dann ist das Umfeld aber im Sinne einer neuen Begegnung da.

Ein ‚korban‘ ist etwas, das auch mit dem Innersten des Menschen, dem Wesentlichen, dem, was wertvoll ist im Menschen, zu tun hat. Das nicht Sichtbare, das Wehrlose, das Unansehnliche, das ist es eigentlich, was das ‚korban‘ bringt, und damit werden die Schritte getan, um G-tt näherzukommen.

Das Behema, der Körper des Menschen, wird dargebracht

Im Traumbild der Bibel wird dieses ‚korban‘ vom Menschen durch den Tempel und seine Vorhöfe gebracht und wird dann im Tempelinnersten von der Flamme des Feuers, die aus einer anderen Welt stammt, verzehrt.
Dort, im Traumbild, ist der Mensch und das Tier getrennt. Hier in dieser Welt ist alles vermischt, nicht zu trennen.

Der Text in Levitikus fährt fort:

„…min-ha-behemah, min-ha-bakar umin-ha-tzon takrivu et-korbanchem.“
„.. vom Großvieh, ‚behema‘, von den Rindern, ‚bakar‘, und vom Kleinvieh, ‚zon‘ (Schafen und Ziegen) soll er es näherbringen.“

Levitikus 1,2

Wenn der Mensch das ‚korban‘ bringt, dann ist es der eigene Körper, den er G-tt nähe bringt. Hier auf Erden in Zeit und Raum wird die menschliche Erscheinungsform, der Mensch im Bilde G-ttes, durch das ausgerückt, was in der Tierwelt das Tier mit den gespaltenen Hufen und dem Wiederkäuen ist. Wenn der Mensch sich ausschließlich als Körper ausdrücken würde, ausschließlich als Erscheinung, würde er auf diese Weise in Erscheinung treten. Doch der Mensch ist ja noch mehr, er ist etwas anderes, wodurch der Ausdruck, die Erscheinung, auch eine andere Form annimmt.

Der Mensch bringt als Tier genau die Tiere, die gespaltene Hufe haben oder Wiederkäuer sind, damit bringt er sich G-tt näher. Es ist auch die eigene Gegenwart, die der Mensch bringt, ausgedrückt durch die Form des Tieres.

Es gibt verschiedene Formen des ‚korbans‘. Eine Art ist das ‚ola‘, das „Brandopfer“. Hierzu wird in Levitikus geschrieben, dass das ‚korban‘ vom ‚behema‘ kommen soll – also vom Großvieh. Das Großvieh ist auch etwas im Menschen selbst.

Nach den Reinheitsgesetzen in Levitikus Kapitel 11 können nur reine Tiere mit gespaltenen Hufen und Wiederkäuer zu G-tt gebracht werden. Bei dieser Beschreibung handelt es sich um einen Ausdruck eines dahinterliegenden Prinzips.
Über die Hufe hat der Mensch Kontakt zur Erde. Nicht mit einem Huf, sondern mit gespaltenem Huf soll er mit der Erde verbunden sein. D.h., dass der Mensch unterscheiden kann zwischen Alltäglichen und Heiligen, zwischen Weltlichen und Himmlischen, zwischen Innwendigen und Äußerlichen.
Der Mensch muss zwingend auf dem doppelten Fundament stehen, muss beide Welten in sich haben. Es gibt weder nur freien Willen noch nur Vorbestimmung. Es gibt nicht nur allein das Gute oder allein das Böse. Immer ist beides da, die Form und die Gegenform. Der Mensch steht auf dem Doppelten. Nur das Tier, der Körper, das Leben, das so in dieser Welt steht, weiß, wie man die Dinge zu sich nimmt, und weiß, wie man sie noch einmal verarbeitet (wiederkäut).

Das Widerkäuen meint, dass der Mensch über die Dinge, die er im Leben aufnimmt, innerlich reflektieren kann. Dass er nicht alles hinnimmt, was ihm im Leben begegnet, sondern nach dem Sinn frägt. Durch das Wiederkäuen geschieht etwas anderes mit der aufgenommen Speise im Menschen. Dadurch wird das Erlebte mit einem anderen Wissen, anderer Erkenntnis, anderer Einsicht, anderem Verständnis vermischt. Dann erst wird es als Teil der menschlichen Existenz aufgenommen.

Der Mensch soll also auf gespaltenen Hufen stehen, zuerst essen und später wiederkäuen, zuerst tun und dann hören; das heißt, später wird man schon erfahren, was das alles bedeutet. ‚Behema‘, das Großvieh, der Körper des Menschen ist dazu da, dass der Körper des Menschen zur Einswerdung mit der anderen Welt benützt wird. Der Mensch soll ihn nicht für sich selbst und zur eigenen Weiterentwicklung benutzen. Der Körper ist von zentraler Bedeutung. Nur hier auf Erden kann der Mensch die Trennung aller Dinge aufheben, kann er die Dinge in der Welt, durch seine Fähigkeit alles in sich aufzunehmen, erst zum Leben erwecken. Nur dann bringt man den Körper an den dafür bestimmten Ort im Tempel, nur dann ist das bewusste, menschengemäße Gehen des Weges möglich. Und der Mensch möchte sich auch selbst erfüllen, strebt und sucht nach diesem Weg.